Reformationsfest 2017 in Wittenberg

Oder: Warum Halbherzigkeit selten zum vollen Erfolg führt

An manchen Tagen möchte man einfach nur im Bett liegen bleiben. Weil man die Steuererklärung machen muss, beispielsweise. Oder weil die jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt ansteht. Vielleicht aber auch, weil sich die Schwiegermutter zum Kaffee angedroht hat und man drei Stunden lang so tun muss, als ob man wahnsinnig begeistert sei von den neuen Häkeldeckchen und der mitgebrachten Heizdecke… Kurz gesagt: Man weiß einfach, dass dieser Tag zum Sterben öde sein wird. So ungefähr ging es mir, als ich auf meiner To-Do-Liste „Blogpost über das Reformationsfest 2017 schreiben“ las. Ich Trottel hatte die To-Do-Liste auch noch selbst geschrieben. Aber ich wollte ja schon lange einen Bericht über die Mittelaltermärkte in meiner Umgebung schreiben, also raffte ich meinen letzten Elan zusammen, schnappte meine Kamera und machte mich auf den Weg in die Wittenberger Altstadt.

Achtung: Mir geht es in diesem Beitrag nur um das historische Marktspektakel. Das Reformationsjahr 2017, welches in Wittenberg stattfand, werde ich nicht näher beleuchten. Auch den Festgottesdient, das Renaissance-Musikfestival und alle kirchlichen Programmpunkte werden hier nicht erwähnt.

Die Wittenberger Feste

Zunächst sollte gesagt werden, dass Wittenberg zwei „historische“ Feste veranstaltet. Zum einen gibt es „Luthers Hochzeit“, welches immer am zweiten Juniwochenende stattfindet. Das ist das eigentliche Stadtfest. Viel Brimborium, großer Festumzug, jedes Jahr das selbe. Aber immerhin hat es mal den Anerkennungspreis „schönstes Stadtfest“ gewonnen. Ich weiß allerdings nicht, warum. Dieses Jahr war ich sogar so enttäuscht, dass ich mich dagegen entschied, einen Blogpost darüber zu verfassen. Zu einfallslos – zu dreckig. Darauf beruhte auch meine nicht vorhandene Lust, auf das zweite Fest zu gehen.

Das wäre das Reformationsfest. Dieses wird 2017 zum 500. Jubiläum des Thesenanschlags natürlich mit noch mehr Aufwand und extra Festgottesdienst zelebriert. Wahrscheinlich ist es deshalb auch auf meiner To-Do-Liste gelandet. Irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass es ein schöner Mittelaltermarkt wird. Angekündigt wurde das ganze so:

Historisches Marktspektakel

Anlässlich des Reformationsfestes versetzen Sie hunderte farbenfrohe Akteure in die Zeit vor 500 Jahren. Auf dem Marktplatz und in den Altstadthöfen tummeln sich zahlreiche Gaukler, Musikanten, Wirte, Handwerksleute und fahrendes Volk aus dem Mittelalter. Erleben Sie das bunte Treiben an historischen Plätzen und lassen Sie sich von den Künstlern verzaubern. Verschiedene Musikgruppen stellen Ihnen dabei die Melodien und Instrumente der damaligen Zeit vor.

Quelle: https://lutherstadt-wittenberg.de/veranstaltungen/highlights/reformationsfest/
 

Verkehrchaos und seltsame Ständeverteilung

Klingt soweit ja ganz schön. Immerhin bin ich ja durch die historischen Stadtfeste erst zu dem Hobby gekommen. Also stieg der Elan und ich freute mich ein wenig darauf. Was aber sehr schnell durch die Verkehrssituation gebremst wurde. Parkplätze in der Innenstadt gibt es zu den Festivitäten nicht. Das wird vorher auch immer groß verkündet. Man solle doch bitte auf die Sonderparkplätze ausweichen. Der kostenfreie Shuttleservice fuhr allerdings nur am 31.10, was bedeutet, dass man die ca. 25-30 Minuten Fußweg am Montag in Kauf nehmen musste. Das war für etliche Besucher anscheinend zu viel, sodass der Außenring um die Wittenberger Altstadt komplett zugeparkt wurde. Das Ergebnis war Stau und blanke Nerven. Ein Auto nach dem anderen drängelte sich an den Parkenden vorbei, immer kurz davor, sich oder anderen einen Spiegel abzufahren. Letztendlich hatte ich doch einen Parkplatz am Bahnhof gefunden, sodass ich nur 15 Minuten laufen musste.

Als ich die Touristenmeile erreicht hatte, war ich doch ziemlich überrascht: Das „historische“ Marktspektakel war auf die Straßen ausgeweitet worden, sodass hier bereits die ersten mittelalterlichen Stände zu finden waren. Und teilweise wirklich Schöne. Ziemlich begeistert war ich von einem Schreiner, der seine selbstgebauen Truhen, Stühle und Hocker verkaufte.

Sowas schafft Ambiente! Leider wurde dieses durch Plastikplanen und Bierzelte anderer Stände total zerstört. Auch solch „wunderschöne“ Container trugen nicht unbedingt zu einer mittelalterlichen Atmosphäre bei.

Ich habe im Allgemeinen nichts gegen moderne Containerstände. Aber es wäre in meinen Augen ansprechender gewesen, wenn man moderne von mittelalterlich wirkenden Buden getrennt hätte. Die Riemenschneiderei neben einem Stand mit bunter Kinderkleidung – Das wirkt ziemlich deplatziert. Generell habe ich mich gefragt, was so mancher Händler auf dem historischen Marktspektakel (welche auf die Straßen ausgeweitet wurde) zu suchen hatte. Aber gut, Angebot und Nachfrage.

Historisches Marktspektakel?

Apropos Marktplatz: Marktplatz war dafür ziemlich mittelalterlich aufgestellt. Gut, mit „historischem“ Marktspektakel hatte es dennoch wenig zu tun, aber wer wäre ich denn, wenn ich als Fantasy-Wikinger die A(uthentizitäts)-Keule schwingen würde. Dort habe ich dann auch den niedlichsten Stand gefunden, den ich je gesehen habe. Mein absolutes Highlight!

Ist der nicht putzig? 😀 Ansonsten gab es auf dem Platz alles, was das Ritterherz begehrt: Viel Essen, Klamotten, Felle, Körbe, die üblichen Metbuden, eine Schauschmiede. Nur eins fehlte: Das geeignete Publikum. Ich habe so gut wie kaum einen Besucher gewandet gesehen. Aber das ist nicht sonderlich verwunderlich, wenn man weiß, was einen Marktgänger stört.

Nichts für Reenactors

Der Schmied läuft in Jeans rum, die Mokkahändler tragen Polyester-Steppwesten. Manch ein Verkäufer trägt gar kein Gewand. Ich weiß, dass es unangenehm kalt war, aber es gibt auch warme mittelalterliche Kleidung. Und Thermounterwäsche. Desweiteren fällt auf den zweiten Blick auf, dass die Ware gar nicht so mittelalterlich ist. Rustikal trifft es eher. Dennoch waren schöne Sachen dabei, keine Frage.

An den Ständen gibt es teilweise keine Müllkörbe, neben anderen stehen volle Plastiksäcke. Es war aber bei weitem nicht so dreckig wie beim Stadtfest, allerdings war ich auch drei Stunden nach Eröffnung da.

Plastikflaschen und Bierbänke

Kommen wir zu den Heerlagern. Gesehen habe ich drei. Glaube ich. Ich bin mir nicht sicher. Von der Ausstattung her wünsche ich mir, dass es keine waren. Die Stadtwache hat Bierzeltgarnituren in ihrem Zelt stehen. Und eine super mittelalterliche Bierzapfanlage. In anderen Heerlagern stehen Kaffeeweißer und Plastikflaschen auf dem Tisch, die Lageristen spielen an ihren Smartphones rum. Das trägt sehr zur historischen Atmosphäre bei – NICHT. Absolute No-Gos! Ich habe kein einziges Lagerfeuer gesehen. Das mag vielleicht auch an den Auflagen der Stadt liegen. Vermisst habe ich es trotzdem.

Ich muss zur Verteidigung aller Heerlageristen aber auch sagen, dass ich den Weberhof nicht besucht habe. Einfach, weil für mich nicht zu erkennen war, dass er überhaupt genutzt wird. Der war zumindest zu Luthers Hochzeit immer sehr schön. Aber auch da wurde oft nicht zu sehr auf die „Entplastifizierung“ geachtet.

Und das sonstige Programm?

Auch von den Gauklern und Musikanten habe ich leider nicht viel mitbekommen. Ich habe zwei Bühnen gesehen, auf denen aber nicht gespielt wurde und irgendwo ertönten leise Dudelsackklänge, die mich zum schnelleren Weiterlaufen bewegten. Bekanntlicherweise mag man Dudelsackmusik so lange, bis man richtig ins Hobby einsteigt.

Für die Kinder gab es ein Kurbelkarussel, sowie das bekannte Holzriesenrad. Ob das nun reicht, um die kleinen Energiebündel müde zu bekommen, kann ich nicht sagen. Dafür bin ich zu alt bzw. noch nicht alt genug.

Die Schlosswiese und die Parkanlage wurde leider gar nicht genutzt. Das wären schöne Orte für Heerlager!

Fazit:

Alles in allem, war es so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Viel Altbekanntes, nichts Neues. Und das ist unglaublich Schade. Wittenberg hat eine total schöne Innenstadt, nur leider kommt bei mir kein bisschen mittelalterliches Feeling auf. Zu halbherzig das Ganze, zu wenig von anderen Mittelaltermärkten gelernt. Für jemanden, der ein- bis zweimal im Jahr auf einen Markt geht, wird meine Kritik wahrscheinlich übertrieben sein. Aber Hobbyisten wie ich finden nichts Interessantes hier. Es macht mich tatsächlich ein wenig traurig. Ich würde gern meine Lagerkollegen zu einem richtig tollen mittelalterlichen Fest in meiner Heimatstadt einladen – Dafür muss ich aber wahrscheinlich umziehen.

Ich könnt mir gern eure Meinung zum Reformationsfest 2017 schreiben, falls ihr auch dort wart. Oder vielleicht habt ihr ja ähnliche Erfahrungen in eurer Heimatstadt gemacht? Ich freue mich, auf eure Kommentare!

Habt ein schönes Samhain, Halloween oder auch Reformationstag!

Möhrchen

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Ein Gedanke zu „Reformationsfest 2017 in Wittenberg

  1. Silvia Dammer

    Ja, es ist wirklich schade, dass die gute Idee, Renaissance so authentisch wie möglich zu feiern, die Bevölkerung mit einzubeziehen, so schnell dem Kommerz gewichen ist. „Luthers Hochzeit“ und den Reformationstag in gleicher Art und Weise zu feiern, ist des Schlechten zu viel. Darauf haben die Wittenberger keine Lust und vielleicht auch irgendwann mal die Besucher auch nicht mehr. Hier müsste mal wieder ein Reformator ans Werk. Die Lutherstadt wird sich wahrscheinlich noch im Merkeltaumel befinden. Dabei kommt die Bundeskanzlerin sogar in winzige Städte wie Kappeln …. und das öfter als nach Wittenberg. Witzigerweise weiß man in der übrigen Bundesrepublik kaum, wo die Stadt liegt.

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