Rezension: Fantastische Gewandung schneidern

Liebe Leute, ich weiß, dass die Kategorie „Lesestoff“ in letzter Zeit nicht gut gefüllt wurde. Das mag zum Einen daran liegen, dass ich einfach unglaublich viele meine historischen Bücher verschenkt bzw. verkauft habe, zum Anderen aber auch, dass es ziemlich schwierig ist, gute Bücher für Anfänger im Bereich Mittelalterhobby und Larp zu finden. Und wie ich so am Grübeln war, welche Literatur ich euch demnächst gern ans Herz legen möchte, sah ich folgenden Post im Larp-Flohmarkt: „Fantastische Gewandung schneidern“ von Katja Rother.

Yippieh, das ist meine Chance, neuen Lesestoff zu ergattern! Gesagt, getan, (es waren insgesamt 3 Bücher, die anderen beiden kommen evtl. zu späterem Zeitpunkt) Zack – neues Buch in den Händen. Die Bibliothek wächst also wieder. Und so wird es nun endlich wieder Zeit für eine neue Rezension!

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 Kleine Vorbemerkungen

Das Buch „Fantastische Gewandung schneidern“ erschien zunächst 2006. 2010 wurde das Ganze dann nochmal neu aufgelegt. Diese Version besitze ich, das bedeutet, dass ich absolut keine Ahnung habe, inwiefern sich die erste Auflage von der zweiten unterscheidet.

Desweiteren sollte man betonen, dass „Fantastisch“ hier eher als „nicht historisch“ bzw. „an historischen Schnitten angelehnt“ zu verstehen ist. Kurz: Nicht-A. Ich habe einige Rezensionen gelesen, die genau das bemängeln. Also Nein, es geht in dem Buch nicht darum, wie ihr die Robe für eure Elben-Prinzessin schneidern könnt, sondern schlicht um einfache Basics, die ihr im Larp und/oder nicht-A-Mittelalterveranstaltungen tragen könnt.

Ansonsten ist es wie sonst auch: Nur, weil mir was gefällt, muss es euch nicht zwangsweise zusagen. Ist klar. (Ich esse zum Beispiel gern gefrorene Pommes, was für andere Menschen sehr abstoßend sein kann). Also bitte nicht mit mir schimpfen, falls euch das Buch nicht zusagen sollte. Aber ihr seid ja sonst auch immer lieb zu mir, da sollte vermutlich nichts schief gehen! 🙂

Dann fang ich mal an zu erzählen…

„Jeder kann nähen“

Das Buch beginnt, mit einem ziemlich persönlichen Vorwort von Herrn Rother, also dem Ehemann der Autorin. Warum gerade seine Frau perfekt geeignet war dieses Buch zu schreiben, wie er ihr beim Arbeiten zugesehen hat und wie stolz er auf sie ist. Ja, ist ziemlich putzig, interessiert mich persönlich immer recht wenig. Aber egal, die Einleitung dagegen ist wesentlich spannender.

Hier meldet sich die Autorin selbst zu Wort und erklärt erstmal, was es denn mit dem „jeder kann nähen“-Mythos auf sich hat. Und da hatte mich das Werk gepackt, denn ihre Meinung, dass jeder nähen kann, aber nicht jeder Lust dazu hat etc., passt 1:1 zu meiner Meinung, die ich euch in dem „Ist selber nähen wirklich günstiger?“- Post erläutert habe. Super, ich mag es, wenn ich mit Leuten einer Meinung bin!

Danach geht es sofort mit den Grundlagen des Nähens weiter. Was benötigt man? Wie wähle ich den Stoff aus? Welche Farben nutze ich? Also im Prinzip die vielen Fragen, die dem tapferen Schneider-Anfängerlein so im Kopf herumschwirren. Und ja, da ist so gut wie alles mal angerissen. Vom Ausmessen über die Berechnung des Stoffverbrauchs, Nahtzugaben, Säumen – ALLES! Ok, ihr könnt euch sicherlich denken, dass diese Anleitungen nicht das komplette Schneiderhandbuch ersetzen. Aber auf diesen „Kurzanleitungen“ basierend, kann man auch super im Internet recherchieren, sich Tutorials anschauen oder was auch immer. Die Grundlagen umfassen um die 30 Seiten, da gibt es also ordentlich zu lesen. Und ganz ehrlich? Ich wusste vorher nicht, was eine Kellerfalte ist, geschweige denn, wie diese aussehen würde (ungebildetes Möhrchen!). Ja, ich muss schon sagen, finde ich wirklich toll!

Die Schnittmuster

Kommen wir zu dem, was die meisten vermutlich interessieren wird: Die Schnittmuster. Wie bereits am Anfang schon geschrieben, bedeutet „fantastische Gewandung schneidern“ NICHT, dass ihr nur Feenkleidchen und Barbarenklamotten findet. Besser gesagt sind sie eher low Fantasy, also mehr historisch inspiriert.

Beispiele: Hemd, Hose, Unterkleid, Höllenfensterkleid, Wikinger-Hose, Radmantel, aber auch Kopfbedeckungen wie Gebende und Barett. So wirklich rein Fantasy ist meiner Meinung nach nur der Magier-Mantel. Den Rest könnte man locker in die Kategorie „Grob-Mittelalter“ (GroMi) stecken. Sicherheitshalber erwähne ich nochmal, dass die meisten Schnitte NICHT reenactment-tauglich sind (Wer bitte sollte auch ein Buch mit dem Titel „FANTASTISCHE Gewandung schneidern“ für’s Reenactment kaufen?)

Leider muss ich an der Stelle einen kleinen Kritikpunkt äußern: Die Schnittmuster haben keine Größentabellen! Ich bin mittlerweile so an Größentabellen gewöhnt, dass sie mir in diesem Buch schon ziemlich fehlen… Aber gut, das ist vermutlich Einstellungssache.

 

Die Anleitungen

Die Anleitungen sind einfach und verständlich gehalten. Es gibt immer Vorschläge zu den zu verwendenden Materialien. Dann habt ihr eine kurze Anleitung, wie ihr Selbige vernünftig zuschneidet und zum Schluss die eigentliche Nähanleitung. Das Einzige, was mich hier immer ein wenig verwirrt ist, dass prinzipiell erst versäubert und danach vernäht wird. Kenne ich persönlich so nicht. (Muss aber nichts heißen). Ich für meinen Teil vernähe erst und versäuber danach die Schnittkanten. Und ihr?

Ansonsten gibt es in meinen Augen an den Anleitungen nichts zu bemängeln. Alle Fachbegriffe sind hinten im Glossar nochmal erklärt, sodass es nicht zu Verwirrungen kommen sollte.

Der Essay

Um dem ganzen noch einen gewissen lehrreichen Charakter zu geben, gibt es am Ende des Buches noch einen Essay von Stephan M. Rother (ja genau, der Ehemann der Autorin, der am Anfang schon seine Ansichten über den Schaffungsprozess des Werkes zu besten gegeben hat). Jaaa, was soll ich sagen? Hätte es das wirklich gebraucht?

Thema des Ganzen ist der Einfluss historischer Mode und Literatur in die Fantasywelt. Kurz gesagt: Was kann man von den Alten lernen, wenn man Fantasydarstellung betreiben möchte. Finde ich prinzipiell echt super, da es einen großen Teil meiner „Leitlinien“ in der Gewandungsherstellung wiederspiegelt, aaaaber (mit ’nem großen A) : Braucht der Anfänger das wirklich?

In meiner Empfindung könnte das nämlich ziemlich verwirrend rüberkommen. Ja, die Historie Europas in den letzten 1000 Jahren ist generell ziemlich verwirrend, da kann so eine sehr grob gehaltene Übersicht schnell für Unklarheiten sorgen. Oder noch schlimmer: Das Bild vermitteln, dass die Gewandung in gewisser Art historisch ist, weil man ja zum Beispiel seine Haare unter einer Haube versteckt. Klar, wenn man länger in dem Hobby ist, kann man das unterscheiden. Ich aber stelle mir immer den kleinen MA-Neuling vor, der gestern das erste Mal auf einem Mittelaltermarkt war und da rausgefunden hat, dass man das in seiner Freizeit öfter machen kann… Zu ausführlich, um klar zu sein – zu kurz, um komplett zu informieren.

Außerdem (und ja, das hat absolut nichts mit der Qualität des Buches zu tun) nervt es mich unglaublich, dass „Beowulf“ als Vorbild für den Film „der 13te Krieger“ erwähnt wird… Ich meine WHAT?! Ja, Teile davon sind mit eingeflossen, aber primär geht’s erstmal um Ahmad Ibn Fadlān und seine Reiseberichte. Aber gut. Was Filme angeht, bin ich schrecklich leicht zu nerven. Weiter im Text..

Dass er dann noch versucht, Zauberer und Nicht-Menschliche Wesen in einen historischen Kontext zu bringen, wirkt tatsächlich fast ein wenig lächerlich. Aber in einem Punkt stimme ich ihm absolut zu: Ein gewisses Maß an Grundwissen über die historischen Begebenheiten, kann der Fantasy-Darstellung nur zu Gute kommen.

Und dann sind wir auch schon einmal durch mit dem Buch. Hier noch ein paar Eckdaten:

Bibliographische Angaben

Titel: Fantastische Gewandungen schneidern

Autorin: Katja Rother (mit eigene Website mit verschiedenen kostenlosen Schnittmustern)

Verlag: G&S Verlag

Seitenanzahl: 103

ISBN: 978-3-925698-84-2

Erschienen 2010

Preis: 19,95€

Mein Fazit:

  • Die Schnittmuster sind verständlich und für Anfänger leicht umzusetzen.
  • Es gibt eine Menge Informationen rund um das Thema „Nähen“, alle wichtigen Techniken werden kurz erklärt.
  • Übersichtlicher alphabetischer Inhalt zum schnellen Finden der Schnitte.
  • Die Anleitungen sind ebenfalls gut verständlich geschrieben.
  • Es gibt zu jeder Anleitung Materialvorschläge, sogar mit Tipps für den jeweilig angestrebten Stand.
  • Es gibt eine schön breite Auswahl an Schnittmustern.

 

  • Der Essay zum Schluss ist ein wenig an der Zielgruppe vorbei.
  • Leider gibt es keine Maßtabelle.

Wie ihr seht ist mein Fazit sehr positiv ausgefallen. Wie immer kommt es da natürlich auf die angestrebte Darstellung an, ob euch das Buch auch nützt oder nicht. Ich habe auf jeden Fall große Lust, ein oder zwei der gezeigten Schnittmuster auszuprobieren. Dazu gibt es dann bei Gelegenheit eine kleine Ergänzung hier im Text. Ansonsten bin ich voll und ganz zufrieden mit dem Buch. Ich hoffe, dass ich demnächst mehr dieser Sorte finde.

 

Kennt ihr das Buch? Und wenn ja, wie ist eure Meinung dazu? Woher nehmt ihr eure Schnittmuster? Oh und falls ihr Buchtipps habt – immer her damit!

Bis dahin wünsche ich euch viel Spaß bei euren Nähprojekten! Habt eine tolle Woche.

Möhrchen

 

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3 Gedanken zu „Rezension: Fantastische Gewandung schneidern

  1. Kaen-Ryu

    Liebe Möhrchen,

    eine tolle Buchrezension, die Du da schreibst.
    Zu Deiner Frage: ich entscheide immer spontan, wann ich versäume. Von meiner Freundin lernte ich, dass ich erst alles versäume und danach zusammen nähe. Irgendwann hatte ich das mal in einem Video-Tutorial gesehen, da hat die Frau auf einmal alles genäht und dann versäumt. Da dachte ich mir, dass wäre doch sowas von Garnsparender, warum machst Du das nicht auch? Das mache ich aber eigentlich nur, wenn ich ein Schnittmuster habe, dass ich schon einmal genäht habe und von dem ich weiß, dass es auch so passt. Wenn ich die Schnittmuster erst auf mich anpassen muss, dann nähe ich auch erst zusammen und versäume erst zum Schluss, dass ich noch einmal Nähte hinzufügen kann.
    Bei meiner letzten Gewandung habe ich auch zum Schluss versäumt und es hat mir wirklich den Pops gerettet, weil ich wirklich einen enormen Garnverbraucht hatte. Ich glaube auf meiner Kreuzspule waren noch etwa 10 Meter drauf.

    Wenn ich jetzt aber einen Stoff habe, der sowas von ausfranst…dann würde ich auch vorher säumen, sonst hat sich der Stoff aufgelöst, bevor ich fertig geworden bin 😉

    Sonst bin ich eher kein Freund von Schnittmustern. Um ehrlich zu sein, ich hasse Schnittmuster. Ich besitze eins, für ein Mittelalterkleid, dass ich wirklich gerne mal noch machen möchte, aber mir graut es einfach vor dem Schnittmuster. Es ist auf Papier gedruckt und ich muss es irgendwie übertragen…ach ich hasse es…ich drücke mich seit einem halben Jahr erfolgreich davor…
    In der Schneiderei hier in der Stadt habe ich gesehen, die haben ihre Schnittmuster auf Karton gezeichnet. Das möchte ich jetzt auch mal ausprobieren. Ich bin mir nur noch nicht im klaren, welchen Karton man da so wirklich nimmt.
    Im übrigen, Du hast E-Mail-Post 😉

  2. Johanna aka Cassandra Do'Hleba

    Moin 🙂

    Also ich versäubere nur dann vor dem Zusammennähen, wenn ich nach dem Zusammennähen (ohje was ein Satz 😀 ) nicht mehr ordentlich mit der Maschine an den Saum komme (zB Kinderkleidung) – da ich aber meistens alles mit der Overlock zusammenshredde ist es sauberer, am Ende zu säumen 🙂

    Nähen allgemein liegt mir sehr & ich kleide mich IT wie OT gerne in selbstgemachten Krams – ich würde gerne für einen lieben Freund als Überraschung ein Gambeson nähen und mir graut es vor der Baumwolle. Der Schnitt muss ja genug Platz in der Armkugel haben, da bin ich ein wenig panisch.
    Irgendwelche Tipps?

    Liebe Grüße

    PS zu Deinem Beitrag über Nähmaschinen-Nähte: Schau mal, ob es für Deine Maschine einen Nahtverdeckten Fuß gibt. Da sieht man am Ende keine Naht mehr 😉

    • Huhu Johanna 🙂
      Also wenn du dir wirklich unsicher bist wegen der Armkugel, kann ich dir Ärmel zum anbinden empfehlen. Kommt natürlich immer auf die Epoche an, aber ich kenne tatsächlich viele Leute, die diese Variante bevorzugen, weil es die Bewegungsfreiheit so gut wie nicht einschränkt. Hier ist zum Beispiel ein ganz interessanter Blogpost zum Gambeson nach Maciejowski-Bibel Vorlage. Ansonsten habe ich bis jetzt nur einen „Fake-Mini-Gambeson“ genäht, der weder gesteppt, noch gefüttert ist. Und kurze Ärmel hat der auch noch 😀 Also eher keine Erfahrungswerte, die dir da helfen könnten 🙁
      Ich drücke dir die Daumen, dass alles so klappt, wie du es dir vorstellst!
      Liebe Grüße
      Möhrchen

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