mittelalterliche Kleidung

7 Tipps für eure erste mittelalterliche Kleidung!

Wenn ihr jemanden aus der Szene nach seiner ersten mittelalterlichen Kleidung fragt, kommt wahrscheinlich bei 99,9% die selbe Reaktion: Peinlich berührtes Kichern und beschämtes Kopfschütteln. Es ist wie in jedem Hobby, je länger man es betreibt, desto höher werden die Ansprüche. Und das, was man am Anfang fabriziert, findet man meist rückblickend beschissen.

Meine Gewandungshistorie bildet da keine Ausnahme. Gut, da ich hier irgendwie eh rein- und aufgewachsen bin, hatte ich bei den meisten Klamotten keine Wahl. Aber selbst als ich mir alles selbst aussuchen konnte, sah es aus heutiger Sicht irgendwie bescheuert aus. Wer weiß, vielleicht mache ich mal einen Post mit der Entwicklung meiner mittelalterlichen Kleidung, dann wisst ihr was ich meine…

Aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen, dass ich niemanden gehabt habe, der mir gesagt hat, worauf man achten muss. Damit es euch nicht auch so geht, möchte ich an dieser Stelle meine Erfahrungen mit euch teilen. Selbstverständlich wird euch das nicht vor dem Fakt schützen, dass besagte Ansprüche steigen und ihr euch „entwickeln“ werdet, aber zumindest vor den gröbsten Fehlern kann ich euch bewahren (oder ich versuche es zumindest).

Ich weiß, es gibt in den großen weiten des Internets eine Menge Ratgeber zum Thema „Mittelalterliche Gewandung/ Kleidung“. Allerdings möchte ich in diesem eher die Problematik der „lagertauglichen Kleidung“ erläutern. Natürlich lässt sich viel 1:1 ins Larp übernehmen. Bei der Kleidung für den Besuch eines Mittelaltermarktes könnt ihr natürlich ein wenig freier in der Gestaltung sein.

1. Ihr habt die Wahl – A oder un-A?

Als Allererstes, (und damit meine ich wirklich als ERSTES), solltet ihr euch überlegen, ob eure Kleidung authentisch-historisch oder Fantasy-inspiriert sein soll. Warum betone ich das? Weil es in der Szene einen fast unerträglichen Kampf gibt, welche Seite nun die Bessere ist und wer das Hobby besser betreibt als der Andere. Soll heißen: Bitte niemals irgendwas zusammenschustern und dann behaupten, man sei historisch. Das kommt bei vielen Leuten nicht gut an.

Nehmt euch also bitte kurz die Zeit und denkt darüber nach. „A“-Kleidung basiert immer auf Funden, d.h. ihr REKONSTRUIERT historische Kostüme. Beim Fantasy, also alles was ihr aus Herr der Ringe, Vikings, Game of Thrones etc. kennt, ist das alles viel freier. Was nicht unbedingt heißt, dass es weniger Aufwand ist. Natürlich könnt ihr diese Entscheidung mit jeder neuen Darstellung wechseln. Nur weil ihr vielleicht, wie ich, einen Fantasy-Vikings-Wikinger darstellen wollt, heißt das nicht, dass ihr euch nicht ebenfalls eine authentische Hochmittelalter-Adels-Darstellung zulegen könnt. Ich würde mich am Anfang aber ganz klar für ein Konzept entscheiden. Zum einen ist es billiger, zum anderen braucht es erfahrungsgemäß eine Menge Zeit, bis alles perfekt ist.

Schnappt euch am Besten ein Blatt Papier und skizziert grob, wie euer späteres Outfit aussehen soll. Sucht euch Info-Quellen (Pinterest, Diviantart etc.) oder schaut mal bei Facebook, da gibt es eine Menge Mittelalter-Gruppen, wo ihr auch Antworten auf eventuelle Fragen bekommt.

2. Fangt mit den Basics an

Soll heißen: Kauft euch nicht sofort alles zusammen, von dem ihr denkt, dass ihr es brauchen könntet. Vielleicht ist eure A-Darstellung gar nicht so historisch, wie ihr vielleicht denkt oder ihr wollt eure Fantasymontur doch noch umstellen, weil euch das Konzept nicht gefällt und und und…

Für die Herren wäre also eine für die Epoche passende Hose und Tunika empfehlenswert, für die Damen ein einfaches Unterkleid, Rock und Bluse, Hose und Bluse etc. Was eben für euer gewähltes Setting passt. Ich baue mir seit 2 Jahren (und das meinte ich mit „menge Zeit“) meine Schildmaid-Kluft auf, bei der ich zunächst nur mit einer einfachen Tunika und Hose angefangen habe. Nach und nach kommen dann immer mehr Kleidungsstücke hinzu – manche werden auch wieder aussortiert – sodass irgendwann euer Gewand fertig ist. Aber das dauert…

3. Die Sache mit dem Waschen…

Und nun sind wir an dem Punkt, an dem sich ein wenig zeigt, warum ich diesen Guide auf das Lagern ausgelegt habe: Die allgemeine Tragedauer. Bei normalen Marktbesuchen habt ihr eure Sachen in der Regel nur einen Tag an. Beim Lagern habt ihr nun die Möglichkeit, für 3 Tage 3 Outfits (und das geht ins Geld) mitzunehmen, oder aber ihr achtet auf die richtigen Materialien.

Naturstoffe wie Leinen, Wolle und Hanf haben den Vorteil, dass man sie über Nacht auslüften kann und sie somit kaum nach Schweiß riechen. Baumwolle hat diese Eigenschaft leider nicht, sodass ihr euch wahrscheinlich lieber Wechselklamotten mitnehmen wollen würdet. Und ja, auch Wolle lässt sich im Sommer gut tragen. Wichtig ist dabei, dass sie relativ dünn gewebt ist. Ich bin in Rastede bei 30°C in einer dünnen Wolltunika rumgelaufen (mit langen Ärmeln) und es war auszuhalten. Zumal ich dadurch keinen Sonnenbrand auf den Armen bekommen habe, hihi! Leinen hält generell eher kühl, gerade wenn es nass ist. Also auch eher für Sommerbekleidung geeignet und weniger für Mäntel.

Preislich gesehen ist das alles natürlich ein wenig teurer als Kleidung aus Baumwolle. Andererseits haben wir ja in Punkt 2 festgestellt, dass ihr eh erstmal mit den Basics anfangt, sodass es immernoch preiswerter ist als drei Wechseloutfits.

Einen großen Bogen solltet ihr um alles aus Polyester machen. Das ist in meinen Augen einfach zu gefährlich, wenn man mit offenem Feuer hantiert (was beim Lagern ziemlich oft vorkommt). Wenn Polyester schmilzt, brennt es sich leicht in die Haut ein und das tut verdammt weh. Bei Stoffmischungen auch lieber zu einem niedrigeren Anteil Polytierchen greifen. Wenn euch das noch nicht überzeugt hat: Man schwitzt in den Dingern so unglaublich und mit Auslüften ist da auch nix…

4. „Schwarz ist scheiße!“

Ich gebe es zu: die Aussage ist geklaut! Aber Cyrus von Dein Start ins Larp hat den Nagel damit auf den Kopf getroffen, sodass mir prompt nix aussagekräftigeres eingefallen ist. Ja, wie bei der Larpklamotte ist es beim Lagern nicht unbedingt von Vorteil, ganz in schwarz gekleidet zu sein. Und dabei meine ich KOMPLETT schwarz. (Ausnahmen sind Nonnen und Mönche). Warum? Nur Anfänger tragen (komplett) schwarz! Besser sind Naturtöne (wirken authentischer) oder verschiedene Farbabstufungen und -nuancen zu verwenden. Auch Kombinationen von zwei Farbtönen kann schön sein! Ich nutze derzeit türkis und dunklere Blautöne in Verbindung mit terracotta-braun.

Wenn ihr rekonstruiert, solltet ihr euch sowieso an die damaligen Farbmöglichkeiten halten. Gerade im Hochmittelalter gab es einen strengen Kodex, wer welche Farbe tragen durfte oder zu tragen hatte. Falls ihr euch dahingehend unsicher seid, scheut euch nicht jemanden in Foren oder Online-Gruppen zu fragen!

Nur der Vollständigkeit halber, weil eigentlich klar: Neontöne sind tabu! Bitte keine quietschpinke Federboa oder neongelbe Leuchtstreifen an der Hose haben. Das sieht überhaupt nicht aus, auch nicht im Fantasybereich. Und nein, ich habe mir das nicht ausgedacht… alles schon gesehen!

5. Gute Passform ist das A und O!

Auch wieder ein Punkt, der bei einem „normalen“ Marktbesuch vernachlässigt werden kann, beim Lagern aber sehr wichtig ist. Eure Kleidung muss bequem sein! Ihr lauft meist zwei Tage, wenn nicht sogar länger darin rum. Wahrscheinlich übt ihr noch mittelalterlich Tätigkeiten aus, kocht, näht, müsst abwaschen. Da ist eine viel zu eng sitzende Corsage eher hinderlich. Natürlich soll das nicht bedeuten, dass ihr euch Leinensäcke überwerfen sollt. Aber wenn ihr den Bauch einziehen müsst, damit es gut aussieht, solltet ihr vielleicht eine Nummer größer kaufen.

Das bedeutet selbstverständlich auch, dass die Kleidung praktisch sein sollte. Reifröcke sind nicht praktisch! Ebenso wenig lange Fledermausärmel, die hängen gern mal im Essen. Meiner Meinung nach solltet ihr am Anfang auch auf stark verstärkte Korsetts verzichten. Falls ihr diese wirklich in eure Gewandung einbringen wollt, tragt sie erst eine Weile zuhause und übt. (Jaaa es gibt Korsett-Trainings).

6. Mehrere Lagen sind besser als eine!

Jepp, und schon wieder bei Cyrus geklaut. Wie er bereits beschrieben hat, wirken mehrere Schichten Kleidung stimmiger, aber auch der praktische Aspekt sollte dabei nicht außer Augen gelassen werden. Wenn ihr euch mehrere Gewandungsteile überwerft, beispielsweise eine kurzärmlige Tunika über eine mit langen Ärmeln, könnt ihr es der Wetterlage anpassen. Weniger Lagen bei schönem Wetter, mehr bei kaltem.

Beispiel für eine männliche Wikingergewandung:

  1. langärmlige Untertunika
  2. kurzärmlige Übertunika
  3. Klappenrock oder Mantel
  4. Gugel

Gut, das war jetzt wirklich grob gefasst, ohne A-Anspruch. Aber der Sinn ergibt sich aus dem Beispiel. Mit einem solchen Aufbau seit ihr gut gegen Kälte und Nässe geschützt, bei Wärme könnt ihr getrost einige Sachen im Zelt lassen. Aber ihr habt sie und sie sind aufeinander abgestimmt. Das ist wichtig.

7. Accessoires verleihen den letzten Schliff

Meiner Meinung nach ist eine Gewandung erst mit den dazugehörigen Accessoires perfekt. Diese unterstützen euren gewählten Darstellungshintergrund. Sei es nun ein passender Hut, ein Schleier oder Schmuck – Euer Outfit ist erst mit den kleinen Details vollendet. Natürlich sind das so Dinge, die ihr nicht bei eurer ersten Lagertour dabei haben müsst, aber damit könnt ihr alles nach und nach komplettieren. Achtet nur auch hier wieder darauf, dass ihr bei eurer Lagerbeschäftigung nicht zu sehr behindert werdet. Eine viel zu lange Kette wird euch ständig nerven. Einen zu großen Armreif werdet ihr verlieren. Also auch hier wieder auf die Passform achten!

 

Ich weiß, das waren für den Anfang ganz schön viele Informationen! Eigentlich gibt es nur eine Regel, die es in dem Wirrwarr der mittelalterlichen Kleidung zu beachten gibt:

Ihr müsst euch wohlfühlen!

Wenn das nicht gegeben ist, nützen euch die anderen Tipps auch nichts. Deshalb ist es wichtig, sich mit seinen Vorstellungen auseinanderzusetzen und immer wieder anzupassen. Aber ich bin mir sicher, dass ihr bald sehr viel Spaß daran haben werdet, eure erste Lagerklamotte zusammenzustellen. 🙂

Was sind denn eure „Leitlinien“ in der Outfitplanung? Wie stellt ihr es zusammen und welche Tipps habt ihr noch? Oder was würdet ihr nie wieder so machen? Schreibt mir doch gern einen Kommentar!

Bis dahin, viel Spaß beim Ankleiden 😀

Möhrchen

 

 

 

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.