Was ihr über mittelalterliche Lederschuhe wissen müsst

 

Mittelalterliche Lederschuhe sind normalerweise das, was man sich als letztes für’s Lagerleben zulegt. Oft reichen dann doch die Schnürstiefel von Deichmann, manch einer traut sich in Turnschuhen auf den Markt (urgh) oder man läuft gleich barfuß. Die Gründe hierfür sind oft einleuchtend: Zum einen sind mittelalterliche Schuhe oft wesentlich teurer als ihre modernen Kollegen, zum anderen gibt es mittlerweile eine riesige Bandbreite an markttauglichem Schuhwerk.

meine fast authentischen Lederstiefelchen 🙂

Aus diesem Grund gibt es hier „Möhrchens ultimativen Leitfaden des mittelalterlichen Schuhwerks“, bzw. eine Zusammenfassung dessen, was ich über die Jahre über markttaugliche Schuhe gelernt habe.

Jeder fängt mal klein an

Damit ihr am Anfang nicht so ein schlechtes Gewissen habt, dass ihr (noch) keine höchstauthentischen Stiefel besitzt (die habe ich bis heute nicht), habe ich mal meine alten Marktsandalen rausgekramt. Zugegeben, ich würde sie heute nicht mehr anziehen. Das ist einfach ein zu großer Stilbruch. Aber wenn man jung und unerfahren ist…

Tadaaaa! Marke römisch, mit neofantastischen Elementen wie diesen unglaublich eleganten scheuernden geflochtenen Lederriemen… Ähhh nie wieder.

Was ihr vor dem Kauf beachten solltet

Nee jetzt aber wirklich. Wenn ihr euch mittelalterliche Lederschuhe zulegen möchtet, solltet ihr einiges beachten, damit ihr nachher nicht unglücklich seid und eine Menge Geld rausgeworfen habt.

Zu allererst solltet ihr euch Gedanken machen, ob ihr sie lieber kaufen oder selbermachen möchtet. Ich muss gestehen, dass ich mich noch nicht mit dem Schuhmacherhandwerk beschäftigt habe. Deshalb möchte ich euch an dieser Stelle ein paar andere Blogs ans Herz legen:

http://www.mastermyr.de

http://www.monacensis.de

http://www.corvus-monedula.de

Hier wird ganz gut erklärt, worauf ihr bei wendegenähten Schuhen achten müsst und wie es gemacht wird.

Nun befassen wir uns mit den grundlegenden Dingen in Sachen Schuhwahl:

Möglichst authentisch oder möglichst praktisch?

Leider sind die möglichst authentischen Lederschuhe nicht unbedingt so haltbar, wie ihre Look-alikes. Das liegt daran, dass die Schuhe im Mittelalter wendegenäht waren. Das bedeutet, dass die Schuhe auf links zusammengenäht und danach auf rechts gedreht wurden. Somit ist die Naht dann innerhalb des Schuhs. Das Problem an diesen Schuhen ist, dass die Lederstärke begrenzt ist. 5mm dickes Leder ist nunmal zu starr, um umgekrempelt zu werden. Das bedeutet wiederum, dass die Sohle und das Oberleder wesentlich dünner sind, als bei z.B. durchgenagelten Schuhen.

Der nächste große Unterschied zu unseren modernen Tretern ist wohl die Ledersohle. Diese ist wesentlich rutschiger als Gummisohlen und anfälliger für Unebenheiten des Bodens. Deshalb mit Ledersohlen niemals auf Schotter laufen! Außerdem lassen sie die Kälte vom Boden eher durch. Und natürlich sind sie bei weitem nicht so dick wie beispielsweise Outdoorschuhe. Falls ihr also viel steht, durch Wald und Wiesen hüpft (z.B. beim Larp) oder auf „modernen“ Straßen lauft (Stadtführer), solltet ihr eine nicht authentische Gummisohle in Erwägung ziehen. Das ist nicht schlechter, einfach nur besser an eure Bedürfnisse angepasst. Ihr legt immerhin einiges auf den Tisch, um vernünftige Latschen zu bekommen – da wäre es schade, wenn sie schnell kaputt sind.

Apropos Geld: Vernünftige mittelalterliche Lederschuhe sind teuer! Punkt. So ungefähr 100€ solltet ihr für ein Paar rechnen. Das sind die üblichen Preise von der Stange. Sollte eure Fußform nicht den typischen „Standard“Füßchen entsprechen, könnt ihr auch über eine Maßanfertigung nachdenken. Die kosten dann zwar einiges mehr, ist aber immernoch sinnvoller als sich Blasen zu laufen oder in den Schuhen rumzurutschen.

Also erste Überlegungen bis hier hin:

  • möglichst A (wendegenäht) oder den Bedürfnissen angepasst?
  • Leder- oder Gummisohle?
  • von der Stange oder Maßanfertigung?

Weitere Tipps zum Kauf

  • Natürlich sollte das Design zu eurer angestrebten Darstellung passen. (Renaissance-Musketier-Stiefel sehen bei Wikingern ziemlich albern aus)
  • Achtet auf die Zusatzangaben der Größen: Fällt der Schuh klein oder groß aus? Ist er schmal oder breit? Im Zweifelsfall nachfragen!
  • Werft ein Auge auf das Material. Kunstleder ist in der Regel weniger haltbar als echtes Leder. Kostet allerdings oft auch weniger…
  • Ich persönlich achte darauf, dass die Sohle ein wenig hochgezogen ist (siehe Bild). Das verhindert, dass man einen Knick in das Leder latscht. Leider ist diese Art der Sohle oft nur bei Wikingerschuhen aufzufinden.

Richtige Pflege = lange Haltbarkeit

So… Wenn ihr dann eure Schühchen daheim habt, gibt es leider wieder etwas zu beachten. Lederschuhe möchten, wie eure komplette Ausrüstung, gepflegt werden. Und sind da manchmal eine kleine Diva…

Ich habe meine „Pflegeroutine“ (yeah, jetzt kling‘ ich wie ein Beautyblogger!) schon im Nachbereitungspost kurz erklärt. Hier möchte ich noch einmal näher darauf eingehen und euch noch ein paar zusätzliche Tipps geben.

Grundsätzlich sei gesagt: mittelalterliche Lederschuhe sollten nach jedem Lagerwochenende saubergemacht und gefettet werden. Das macht sie zum einen resistenter gegen Wasser, zum anderen bleibt das Leder geschmeidig und reißt nicht ein.

Ihr benötigt:

  • eure Schuhe ( ich weiß, wäre niemand drauf gekommen 😀 )
  • Lederreiniger
  • einen weichen Lappen
  • eine kleine Bürste
  • Zeitungspapier und/ oder Schuhspanner
  • Lederbalsam
  • Leinöl
  • optional einen Pinseln

 

1. Schuhe gut durchtrocknen lassen und groben Schmutz abbürsten.

Das ist ganz wichtig, die Schuhe müssen immer gut trocknen. Dadurch bekommt ihr den Schmutz besser ab und sie beginnen nicht zu schimmeln. Am besten stopft ihr sie mit Zeitungspapier aus und lasst sie erstmal einen Tag in Ruhe. Aber bitte nicht auf die Heizung stellen, das macht das Leder schnell rissig! Dann könnt ihr euch eine weiche Schuhbürste nehmen und den ganzen groben Dreck abbürsten. Vor allem unter den Sohlen finden sich oft noch Strohreste.

 

2. Mit Lederreiniger reinigen

Am besten sucht ihr euch einen Reiniger, den ihr nicht ausspülen müsst. Ich habe einen stink normalen aus dem Supermarkt, der funktioniert super. Im Vergleich zu dem teuren für unsere Motorradkombis, ist der sogar wesentlich besser, da man nicht permanent mit einem feuchten Tuch nachwischen muss, damit keine Streifen entstehen. Das geht euch spätestens nach dem dritten Markt auf die Nerven. Danach alles wieder gut trocknen lassen.

So gewinnen sie zwar immer noch keinen Schönheitspreis, aber zumindest die Salzränder sind beseitigt

 

3. Mit Lederbalsam einschmieren

Schnappt euch nun eine kleine Bürste und tunkt die ordentlich in den Balsam. (Weiter unten findet ihr nochmal alles aufgelistet, was ich benutze). Dann schmiert ihr das Oberleder ordentlich ein (auf keinen Fall die Sohle!). Falls ihr sie das erste Mal behandelt (vor dem ersten Tragen), solltet ihr es über Nacht einziehen lassen. Wenn ihr es auffrischt, reicht eigentlich eine halbe Stunde. Achtet drauf, dass ihr die Schnürriemen ausspart. Die werden sonst zu weich und reißen dann leichter (alles schon erlebt). Tragt auf diese am besten ein wenig Leinöl auf, das macht sie fester. Dies geht mit einem Pinsel recht gut.

 

4. Mit einem Lappen nachpolieren

Wenn die halbe Stunde rum ist, könnt ihr einen weichen Lappen nehmen und das nicht eingezogene Fett damit abnehmen. Sie sollten danach leicht glänzen, sich aber nicht fettig anfühlen.

So sollten sie dann ungefähr aussehen.

 

5. Leinöl auf die Sohlen auftragen (nur bei Ledersohlen)

Zum Schluss tragt ihr noch ein wenig Leinöl auf die Sohlen auf. Dadurch werden sie härter und ein wenig widerstandsfähiger gegen den bösen modernen Bodenbelag. Was nicht bedeutet, dass ihr damit einen Marathon durch die Stadt rennen solltet… Aber immerhin etwas. Zum Schluss entfernt ihr noch das Zeitungspapier und macht entweder neues rein (diesmal nicht zu fest stopfen, sonst verzieht sich das Leder zu stark), oder ihr nehmt gleich normale Schuhspanner. Generell kann man sagen, dass dickeres Leder auch stärkere Spannung verträgt. Bei wendegenähten Schuhen solltet ihr also eher zu Zeitungspapier greifen, oder einen weicheren Schuhspanner nehmen.

Wenn ihr das ein paar mal gemacht habt, geht das ganze in Fleisch und Blut über, sodass ihr euch keine Gedanken mehr machen müsst.

Allgemeine Hinweise und Tipps

So, ihr habt eure neuen mittelalterlichen Lederschuhe, die top gepflegt sind – und trotzdem gibt es noch einiges zu beachten:

  • Rutschgefahr auf Laminat! Passt bitte auf, wenn ihr zuhause damit rumlauft!
  • Immer ein paar Wechselschuhe für den Markt dabeihaben. Wenn es Sturzbäche regnet, solltet ihr eure Lederschuhe definitiv ausziehen und auf moderne Schuhe wechseln. Das sieht oft nicht so hübsch aus, dient aber einfach auch der Sicherheit. Die Schuhe sind einfach nicht für zu nasse Wiesen gemacht. Ich persönlich habe eh immer Sicherheitsschuhe mit Stahlkappe und fester Gummisohle dabei (mag daran liegen, dass ich die immer trage 😀 ) Die sind beim Auf- und Abbau top! Und wenn das Wasser auf der Wiese steht, wechsel ich immer zu denen.
  • Falls euch die Schuhe zu kalt sind: Packt euch Filzeinlagen rein. Die sind kuschelig und halten die Kälte besser ab. Die aber unbedingt nach jedem Tragen rausnehmen und separat trocknen lassen!
  • Die Schuhe nicht in einer Plastiktüte aufbewahren. Stoffbeutel sind da besser.
  • Nicht im Keller lagern. Eher an einem trockenen Ort und nicht in direkter Sonne.
  • Nicht in Hunde- oder Katzennähe aufbewahren, sonst habt ihr evtl. Kratzer oder Bissspuren im Leder (wahre Geschichte, vor allem, wenn sie lecker nach Bienenwachs riechen)

 

Für die Pflege benutze ich:

*Affiliate Link, mehr Infos

Anstatt Lederbalsam zu kaufen, könnt ihr auch Leinöl mit Bienenwachs mischen. Dazu das Bienenwachs im Wasserbad schmelzen und nach und nach Leinöl dazugeben (Verhältnis ca. 1:1).

Hier könnt ihr mittelalterliche Lederschuhe kaufen:

https://www.historische-schuhe.de

http://www.kayserstuhl.de

http://www.reenactment-bedarf.de

 

Ich denke, das war soweit alles an, was man über mittelalterliche Lederschuhe wissen muss. Oder habt ihr noch Geheimtipps? Wann habt ihr eure ersten markttauglichen Schuhe gekauft? Habt ihr sie vielleicht selber gemacht und könnt darüber berichten? Ich freue mich, über eure Kommentare!

Bis dahin: Augen auf beim Schuhkauf und habt ein schönes Wochenende!

Möhrchen

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